Sexualtherapie

Sexualtherapeutische Methoden lohnen sich, wenn zwischen euch körperlich etwas ins Stocken geraten ist und die üblichen Gespräche darüber immer an derselben Stelle enden. Sie geben euch zuerst eine Sprache, nehmen dann über strukturierte Übungen den Druck aus der Situation und arbeiten schließlich an der spannenderen Frage: was ihr beide eigentlich jeweils wollt.

Was sind sexualtherapeutische Methoden in der Paartherapie?

Sexualtherapie ist ein vergleichsweise junges Arbeitsfeld, das sexuelle Themen als Teil der Paardynamik behandelt statt als isoliertes Funktionsproblem. In der Praxis begegnen euch heute vor allem zwei Traditionen, die sich gut ergänzen.

Die klassische Sexualtherapie geht auf den Gynäkologen William H. Masters und die Sexualforscherin Virginia Johnson zurück, die Anfang der 1970er-Jahre das erste systematische Behandlungsprogramm für sexuelle Funktionsstörungen entwickelten. Ihr Kernstück ist das Sensualitätstraining, im Original „sensate focus“, heute meist schlicht Streichelübungen genannt: eine Reihe aufeinander aufbauender Übungen, die das Paar zu Hause zwischen den Sitzungen durchführt, zunächst mit ausdrücklichem Verzicht auf Geschlechtsverkehr. Fachlich betrachtet funktioniert das wie eine systematische Desensibilisierung im Alltag – Versagensangst und Leistungsdruck werden Schritt für Schritt abgebaut. Im deutschsprachigen Raum wurde dieses Programm im sogenannten Hamburger Modell weiterentwickelt.

Die systemische Sexualtherapie wurde von Ulrich Clement begründet, Professor für Medizinische Psychologie in Heidelberg und Leiter des dortigen Instituts für Sexualtherapie. Sein Konzept versteht sich als „Paartherapie des Begehrens“ und rückt die erotische Entwicklung beider Partner in den Mittelpunkt statt der sexuellen Funktion. Zentrale Idee, die er in Anlehnung an das differenzierungsbasierte Modell von David Schnarch entwickelt hat: Begehren entsteht gerade aus dem Unterschied zwischen zwei Menschen. Die bestehende Sexualität eines Paares gilt dabei als die aktuelle Lösung, auf die sich beide im Spannungsfeld ihrer unterschiedlichen erotischen Profile geeinigt haben – womit sich die Frage vom Nicht-Können zum Anders-Wollen verschiebt.

Wie wirken sich sexualtherapeutische Methoden auf eure Paartherapie aus?

Als Erstes fällt die Sprache auf. In der Sexualtherapie wird sehr konkret gefragt und sehr konkret geantwortet, und für viele Paare ist allein das schon ungewohnt: Die meisten haben nie gelernt, über das eigene Erleben zu sprechen, ohne in Andeutungen oder Witze auszuweichen. Die Therapieperson nimmt zu Beginn eine ausführliche sexuelle Anamnese auf, einzeln oder gemeinsam.

Aus der klassischen Tradition kommen die Streichelübungen als Hausaufgabe. Ihr berührt euch nach einer festgelegten Schrittfolge, anfangs ohne Erregungsziel und ohne Geschlechtsverkehr. Der Sinn dieser Vorgabe ist genau der Druck, den sie herausnimmt: Wenn nichts passieren soll, kann auch nichts schiefgehen. In der nächsten Sitzung wird im Detail besprochen, was ihr dabei erlebt habt – die Übung hat also gleichzeitig eine diagnostische Funktion.

Aus der systemischen Tradition stammt das Ideale sexuelle Szenario. Beide schreiben unabhängig voneinander auf, wie eine für sie wirklich befriedigende sexuelle Begegnung aussehen würde. In der Sitzung wird darüber verhandelt. Das ist häufig der Moment, in dem sich zwei Menschen nach vielen oder wenigen gemeinsamen Jahren zum ersten Mal erzählen, was sie eigentlich wollen – und feststellen, dass sie den anderen an mehreren Stellen vielleicht ganz falsch eingeschätzt haben.

Dazu kommt die Arbeit an der Lustdifferenz, dem mit Abstand häufigsten Anliegen. Statt einen „richtigen“ Mittelwert anzustreben, wird der Unterschied selbst zum Thema: Was bedeutet es für den einen, gewollt zu werden? Was bedeutet es für den anderen, Nein sagen zu dürfen, ohne dass der Abend kippt?

Für wen passen sexualtherapeutische Methoden besonders gut?

Der Zugang eignet sich für Paare mit unterschiedlich ausgeprägtem sexuellem Verlangen, für sexuelle Funktionsstörungen wie Erektionsproblemen, vorzeitigem Samenerguss, Orgasmus- oder Erregungsschwierigkeiten, Schmerzen beim Sex oder Vaginismus, und für Paare, bei denen Sexualität nach einer Geburt, einer Erkrankung, den Wechseljahren oder einem Vertrauensbruch aus dem Takt geraten ist. Auch Paare, die schlicht nie gelernt haben, über Sexualität zu sprechen, profitieren oft schon von den ersten Sitzungen deutlich.

Weniger passend ist der Fokus, wenn die Beziehung insgesamt in einer schweren Krise steckt – dann steht zuerst die allgemeine Paararbeit an, und die Sexualität kommt später dazu. Und ein wichtiger Punkt: Wenn ein Partner den anderen zu Sexualität drängt oder Grenzen überschreitet, ist gemeinsame sexualtherapeutische Arbeit der falsche Rahmen. Hier braucht es zuerst Schutz und eine unabhängige Beratung für die betroffene Person.

Bei körperlichen Symptomen gehört außerdem eine medizinische Abklärung dazu. Erektionsprobleme, Schmerzen und Libidoverlust haben häufig somatische Anteile – Medikamentennebenwirkungen, hormonelle Veränderungen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine seriöse Therapieperson fragt danach und verweist gegebenenfalls weiter.

Häufige Fragen zu sexualtherapeutischen Methoden

Findet in der Praxis irgendetwas Körperliches statt?
Nein. Seriöse Sexualtherapie ist reine Gesprächstherapie. Es gibt keine körperlichen Untersuchungen, keine Berührungen durch die Therapieperson und niemanden, der bei irgendetwas zuschaut. Alle Übungen macht ihr zu zweit zu Hause.

Müssen wir wirklich auf Geschlechtsverkehr verzichten?
Wenn Streichelübungen zum Einsatz kommen, ist eine zeitweilige Pause Teil des Konzepts – sie nimmt den Erfolgsdruck heraus. Die Dauer wird gemeinsam festgelegt.

Was, wenn wir einfach unterschiedlich viel Lust haben?
Das ist der Normalfall und in der systemischen Sexualtherapie sogar der Ausgangspunkt der Arbeit. Ziel ist keine Angleichung auf einen Mittelwert, sondern ein Umgang mit dem Unterschied, bei dem sich beide wiederfinden.

Lesetipps:

Ulrich Clement: Dynamik des Begehrens. Systemische Sexualtherapie in der Praxis (Carl-Auer, 2016)
– rund 200 Seiten voller Fallgeschichten aus der Praxis, entlang der typischen Klagen: Untreue, Erstarrung, Langeweile, Resignation. Der lebendigste Einstieg ins Thema.

Ulrich Clement: Wenn Liebe fremdgeht
– für Paare, bei denen eine Affäre im Raum steht und die Sexualität dadurch neu verhandelt werden muss.

Ulrich Clement: Systemische Sexualtherapie (Klett-Cotta)
– das Standardwerk zur Methode. Anspruchsvoller geschrieben und stellenweise sehr fachlich, dafür die genaueste Quelle.

Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

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