Tiefenpsychologisch fundierte Paartherapie

Vielleicht gibt es bei einem von euch diesen einen Tonfall, bei dem beim anderen die Alarmglocken angehen. Er kommt zwar von eurem Partner, aber er klingt nach jemand anderem – nach einer Mutter, einem Vater, einer Lehrerin, nach jemandem, der längst nicht mehr im Raum ist. Jeder von euch bringt Drehbücher aus verganenen Kontexten mit in die Beziehung. Die macht die tiefenpsychologisch fundierte Paartherapie lesbar.

Tiefenpsychologisch fundierte Paartherapie lohnt sich, wenn ihr wissen wollt, warum euer Konflikt genau diese Form hat – und warum ausgerechnet ihr beide ihn miteinander führt. Sie liest das alte Drehbuch mit, das jeder von euch mitgebracht hat, macht die stillschweigende Rollenverteilung sichtbar und gibt euch die Möglichkeit, sie neu zu verhandeln.

Was ist tiefenpsychologisch fundierte Paartherapie?

Tiefenpsychologisch fundierte Paartherapie betrachtet Beziehungskonflikte als Ergebnis unbewusster Dynamiken, die ihren Ursprung meist in frühen Beziehungserfahrungen haben. Ihre wissenschaftliche Grundlage bilden die über mehr als hundert Jahre entwickelten Konzepte der Psychoanalyse, angewandt auf die Zweierbeziehung.

Der wichtigste Name im deutschsprachigen Raum ist Jürg Willi (1934–2019), Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker. Er führte ab 1965 als Erster hierzulande systematisch Paartherapien durch und veröffentlichte 1975 sein Standardwerk „Die Zweierbeziehung“, das in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurde. Darin entwickelte er das Konzept der Kollusion: das unbewusste Zusammenspiel zweier Menschen, bei dem beide dasselbe Grundthema bearbeiten, aber von entgegengesetzten Seiten aus. Willi beschreibt vier Grundmuster – die narzisstische Kollusion (Liebe als Einssein), die orale (Liebe als Umsorgen), die anal-sadomasochistische (Liebe als Zusammengehören und Kontrolle) und die phallisch-ödipale (Liebe als Bewährungsprobe).

Daneben prägte eine zweite Linie das Feld: die psychoanalytische Paar- und Familientherapie mit dem Mehrgenerationen-Ansatz, wie sie unter anderem Horst-Eberhard Richter in Gießen sowie Manfred Cierpka und Günter Reich in Göttingen ausgearbeitet haben. Hier steht die Frage im Vordergrund, welche unerledigten Aufträge, Loyalitäten und Familienthemen ihr beide aus euren Herkunftsfamilien mitgebracht habt.

Wie wirkt sich der tiefenpsychologische Ansatz auf eure Paartherapie aus?

Rechnet mit viel Gespräch und deutlich weniger Übungsprogramm. Der Kern der Arbeit ist Verstehen: Warum trifft euch ausgerechnet dieser Satz so hart? Wen erinnert dieses Verhalten an wen? Welche Rolle habt ihr im eigenen Elternhaus gelernt und wie taucht sie heute im wieder auf?

Ein zentrales Werkzeug ist die Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung. Übertragung meint, dass ihr euren Partner zeitweise wie eine frühere Bezugsperson erlebt und entsprechend auf ihn reagiert. Gegenübertragung meint das, was dabei in der Therapeutin selbst ausgelöst wird – und weil sie im Raum sitzt und sich als Teil des Geschehens versteht, wird ihr eigenes Erleben zum Informationsträger. Wenn sie plötzlich das Bedürfnis verspürt, einen von euch beiden zu beschützen, sagt das etwas über die Dynamik zwischen euch aus.

Häufig kommt auch ein Blick über mehrere Generationen dazu: Wer war in eurer Familie für Gefühle zuständig, wer für Leistung? Wer hat sich geopfert, wer durfte gehen? Solche Muster wandern erstaunlich beharrlich weiter, oft mit umgekehrten Vorzeichen bei den Kindern.

Der Ablauf ist weniger vorstrukturiert als bei verhaltenstherapeutischen Programmen. Es gibt selten Hausaufgaben, dafür längere Denkpausen, gedeutete Zusammenhänge und ein Tempo, das manche Paare als wohltuend gründlich und andere als zäh erleben. Die Wirkung setzt eher schleichend ein: Der alte Streit verliert seine Wucht, weil beide verstehen, woher die Wucht eigentlich kommt.

Für wen passt tiefenpsychologisch fundierte Paartherapie besonders gut?

Der Ansatz passt besonders zu Paaren, bei denen sich dasselbe Thema durch mehrere Beziehungen und Lebensphasen zieht und die den Verdacht haben, dass ihre Biografie dabei mitspielt. Ebenso zu Paaren, bei denen eine psychische Erkrankung eines Partners, etwa eine Depression oder eine Angststörung, eng mit der Paardynamik verwoben ist. Und generell zu Menschen, die Zusammenhänge verstehen wollen und Freude daran haben, in die Tiefe zu gehen.

Weniger passend ist er, wenn ihr schnelle, konkrete Werkzeuge für den Alltag braucht – da liefert die verhaltenstherapeutische Paartherapie handfestere Ergebnisse in kürzerer Zeit. Wer vor allem emotionale Nähe wiederherstellen möchte, findet in der emotionsfokussierten Paartherapie den direkteren Weg. Bei akuter häuslicher Gewalt braucht es zuerst Schutz und Einzelunterstützung.

Häufige Fragen zur klärungsorientierten Paartherapie

Muss ich ständig über meine Kindheit reden?
Die Herkunftsfamilie kommt regelmäßig vor, weil dort die Muster entstanden sind, die heute wirken. Der Ausgangspunkt bleibt allerdings euer aktuelles Erleben – die Vergangenheit wird zur Erklärung herangezogen, wenn sie den gegenwärtigen Konflikt verständlich macht.

Was bedeutet z. B. „Kollusion“ in der Praxis?
Ein Beispiel: Sie umsorgt ihn, er lässt sich umsorgen. Beide haben dasselbe Grundthema – Versorgtwerden –, verteilen es aber auf zwei entgegengesetzte Rollen. Solange die Rollenteilung funktioniert, fühlt es sich wie perfekte Ergänzung an; wird sie hinterfragt, kommt der Konflikt.

Lesetipps:

Jürg Willi: Die Zweierbeziehung. Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion (Rowohlt)
– der Klassiker von 1975, bis heute erstaunlich gut lesbar und der beste Einstieg ins Kollusionsdenken.

Jürg Willi: Psychologie der Liebe. Persönliche Entwicklung durch Partnerbeziehungen (Klett-Cotta, 2002)
– Willis späterer, optimistischerer Blick: Beziehung als Ort persönlicher Entwicklung statt nur als Konfliktbühne.

Günter Reich, Manfred Cierpka u. a.: Praxis der psychoanalytischen Familien- und Paartherapie
– das Fachbuch zum Mehrgenerationen-Ansatz für alle, die es genauer wissen wollen.

Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

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