Klärungsorientierte Methoden in der Paartherapie
„Musst du eigentlich immer so lange arbeiten?“ Der Satz klingt nach Vorwurf, und genau so kommt er auch an. Die ehrliche Übersetzung würde vielleicht lauten: „Ich vermisse dich.“ Doch das fühlt sich zu verletzlich an, oder ist einem nicht bewusst. Also geht der verschlüsselte „Funkspruch“ raus, das Gegenüber entschlüsselt ihn als Angriff, funkt Verteidigung zurück, und der Abend ist gelaufen. Die klärungsorientierte Paartherapie beschäftigt sich mit genau dieser Lücke zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist.
Klärungsorientierte Paartherapie hilft euch, wenn ihr den Verdacht habt, dass eure Streits in dieser Art Geheimsprache geführt werden, die keiner von euch zuverlässig entschlüsseln kann. Sie übersetzt Vorwürfe zurück in Bedürfnisse, macht sichtbar, was ihr in der Beziehung jeweils am meisten braucht, und arbeitet anschließend systematisch daran, dass ihr euch gegenseitig wieder versteht.
Was ist klärungsorientierte Paartherapie?
Die klärungsorientierte Paartherapie ist die Paar-Anwendung der Klärungsorientierten Psychotherapie (KOP), die der Bochumer Psychologieprofessor Rainer Sachse entwickelt hat. Sie ist aus der Gesprächspsychotherapie in der Tradition von Carl Rogers hervorgegangen und wurde von Sachse um ein deutlich aktiveres, stärker strukturierendes Vorgehen erweitert. Ihr Kernauftrag steckt im Namen: Geklärt wird, was die Beteiligten selbst noch gar nicht klar benennen können – die eigenen Motive, die eigenen Schemata, die eigenen Ansprüche an den anderen.
Sachse unterscheidet sechs zentrale Beziehungsmotive, die jeder Mensch unterschiedlich stark gewichtet: Anerkennung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und Grenzen beziehungsweise Territorialität. Anerkennung und Wichtigkeit liefern Informationen über die eigene Person, Verlässlichkeit und Solidarität Informationen über die Qualität der Beziehung, Autonomie und Grenzen betreffen den eigenen Entscheidungsraum. Welche dieser Motive bei euch beiden ganz oben stehen, hängt stark von euren biografischen Erfahrungen ab – und wenn eines davon dauerhaft leer ausgeht, steigt es in der inneren Rangliste immer weiter nach oben.
Wie wirkt sich der klärungsorientierte Ansatz auf eure Paartherapie aus?
Das auffälligste Konzept dahinter heißt Modell der doppelten Handlungsregulation. Es unterscheidet zwei Ebenen: die Motivebene (was jemand tatsächlich braucht) und die Spielebene (was jemand stattdessen tut, um es zu bekommen, ohne es offen sagen zu müssen). Vorwürfe, Schmollen, betont sachliches Erklären, demonstratives Rückziehen – all das sind aus dieser Sicht Strategien, die irgendwann einmal sinnvoll waren, meist in der eigenen Kindheit, und die heute zuverlässig das Gegenteil dessen produzieren, was man eigentlich will ;-).
In den Sitzungen bedeutet das viel Übersetzungsarbeit. Eure Therapieperson arbeitet mit euch heraus, welches Motiv hinter einem Satz steckt, der an der Oberfläche nach Kritik klingt. Sie fragt nach Situationen aus eurer Biografie, in denen ihr gelernt habt, bestimmte Bedürfnisse lieber zu verpacken. Und sie bleibt dabei ausdrücklich allparteilich: Klärungsorientierte Therapeut:innen vermeiden die Schiedsrichterrolle sehr bewusst und arbeiten stattdessen daran, dass beide Positionen verständlich werden.
Der Ablauf ist in zwei Phasen gegliedert. Zunächst geht es um aktuelle Konflikte: Sie werden geklärt, Ressourcen des Paares aktiviert und konstruktives Verhandeln angeregt, damit sich die Beziehungsqualität zügig spürbar verbessert. Auf dieser Grundlage folgen systematische Übungen zum gegenseitigen Verstehen, die Empathie, Entgegenkommen, die Bereitschaft zu vergeben und die Fähigkeit zu tragfähigen Kompromissen stärken.
Was viele Paare dabei überrascht: Der eigentliche Aha-Moment betrifft oft weniger den Partner als sich selbst. Die Frage „Warum sage ich eigentlich nie direkt, was ich brauche?“ bringt in diesem Setting mehr in Bewegung als jede weitere Runde im alten Streitkarussell.
Für wen passt klärungsorientierte Paartherapie besonders gut?
Der Ansatz passt besonders gut zu Paaren, bei denen sich derselbe Streit endlos wiederholt und beide hinterher das Gefühl haben, dass es eigentlich um etwas anderes ging. Auch wenn einer oder beide dazu neigen, Wünsche in Vorwürfe, Ironie oder Rückzug zu verpacken, ist KOP sehr gut geeignet, weil sie genau diese Verpackungen zum Thema macht.
Weniger passend ist der Ansatz für Paare, die vor allem konkrete Übungen und Gesprächsregeln für den Alltag mitnehmen wollen – dafür ist die verhaltenstherapeutische Paartherapie direkter. Wer zuerst emotionale Sicherheit und Bindungsgefühle in den Mittelpunkt stellen möchte, findet in der emotionsfokussierten Paartherapie den passenderen Rahmen. Und bei akuter häuslicher Gewalt braucht es zuerst Schutz und Einzelunterstützung.
Häufige Fragen zur klärungsorientierten Paartherapie
Was bedeutet „Klärung“ in diesem Zusammenhang konkret?
Das Bewusstmachen dessen, was bislang implizit geblieben ist: welches Bedürfnis hinter einer Reaktion steckt, welche Erfahrung dieses Muster geprägt hat und welche unausgesprochene Erwartung ihr aneinander richtet.
Woran erkenne ich eine gut ausgebildete klärungsorientierte Paartherapeutin?
An einer spezifischen KOP-Weiterbildung, wie sie z. B. das Institut für Psychologische Psychotherapie (IPP) in Bochum anbietet.
Lesetipps:
Rainer & Claudia Sachse: Wie ruiniere ich meine Beziehung – aber endgültig (Klett-Cotta)
– ein Ratgeber, der die typischen Beziehungsfallen mit Humor aufs Korn nimmt. Lesbar an einem Wochenende, danach erkennt man das eigene Repertoire erschreckend gut wieder.
Rainer Sachse: Wie manipuliere ich meinen Partner – aber richtig (Klett-Cotta)
– behandelt die indirekten Strategien, mit denen wir bekommen wollen, was wir nicht offen ansprechen.
Rainer Sachse, Janine Breil & Jana Fasbender: Klärungsorientierte Paartherapie (Hogrefe, 2013)
– das Fachbuch zum Verfahren, inklusive Transkripten aus echten Sitzungen.
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.