Achtsamkeitsbasierte Methoden in der Paartherapie
Achtsamkeitsbasierte Methoden können helfen, wenn ihr im Streit schneller reagiert, als euch lieb ist, und wenn ihr bereit seid, regelmäßig zu üben. Sie trainieren die Sekunde vor der Antwort, schärfen das Zuhören und helfen dabei, das Unveränderliche am anderen gelassener zu nehmen. Als Pflegeprogramm für eine im Grunde funktionierende Beziehung sind sie stark – als alleinige Antwort auf eine handfeste Krise reichen sie selten aus.
Was sind achtsamkeitsbasierte Methoden in der Paartherapie?
Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit absichtsvoll auf den gegenwärtigen Moment zu richten, ohne sofort zu bewerten. Als Behandlungsmethode wurde das ab 1979 von Jon Kabat-Zinn an der University of Massachusetts entwickelt, in Form des achtwöchigen Programms zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR). Daraus entstand später die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie zur Rückfallvorbeugung bei Depression.
Für Paare gibt es eine eigene Anpassung: die Mindfulness-Based Relationship Enhancement, entwickelt von James Carson, Kimberly Carson, Karen Gil und Donald Baucom. Sie überträgt das Format auf die Paarsituation und ergänzt es um gemeinsame Übungen – Partnerübungen mit Körperarbeit, Wohlwollensmeditation, achtsames Zuhören zu zweit.
Daneben taucht Achtsamkeit als Zutat in vielen anderen Methoden auf: in der Akzeptanzarbeit der integrativen verhaltenstherapeutischen Paartherapie, im Aufbau des gesunden Erwachsenen in der Schematherapie, in der Stabilisierungsarbeit bei Traumafolgen. In der Praxis begegnet ihr Achtsamkeit deshalb häufiger als Baustein denn als eigenständige Paartherapie.
Wie wirken sich achtsamkeitsbasierte Methoden auf eure Paartherapie aus?
Das erste, was trainiert wird, ist die Pause. Wer bemerkt, dass gerade Ärger hochkommt, bevor der Satz schon draußen ist, hat plötzlich eine Wahl. Dafür wird mit Körperwahrnehmung gearbeitet – der Kiefer, der sich anspannt, die Hitze im Gesicht, der flachere Atem.
Der zweite Baustein ist achtsames Zuhören. Einer spricht eine festgelegte Zeit, der andere hört zu, ohne zu unterbrechen, ohne innerlich die Antwort vorzubereiten. Fast alle Paare finden das anfangs mühsam, und fast alle berichten hinterher dasselbe: Sie haben Dinge gehört, die schon oft gesagt worden waren.
Der dritte Baustein ist die Arbeit mit Gedanken als Gedanken. „Er hält mich für inkompetent“ ist ein Gedanke, keine Tatsache – der Unterschied lässt sich üben, und er nimmt Interpretationen ihre Wirkung.
Der vierte ist Akzeptanz: der bewusste Umgang mit den Eigenheiten des anderen, die sich schlicht nicht ändern werden. Hier ist allerdings Vorsicht geboten: Akzeptanz taugt für Unpünktlichkeit, für Ordnungsvorstellungen, für unterschiedliche Bedürfnisse nach Geselligkeit. Sie taugt nicht dafür, Grenzverletzungen, Untreue oder respektloses Verhalten wegzuatmen. Wo Veränderung nötig ist, ist „das nehme ich eben an“ meist der falsche Weg.
Dazu kommt die eigene Praxis zu Hause, meist täglich zehn bis zwanzig Minuten. In der Studie von Carson und Kollegen zeigte sich, dass Paare mit mehr Übungspraxis bessere Ergebnisse erzielten und dass sich an Tagen mit mehr Übung über mehrere Folgetage hinweg die Beziehungszufriedenheit und der Umgang mit Stress verbesserten. Ohne Übung passiert entsprechend weniger.
Für wen passen achtsamkeitsbasierte Methoden besonders gut?
Der Zugang eignet sich gut für Paare, deren Streits schnell eskalieren, weil beide reflexhaft reagieren – hier setzt die trainierte Pause direkt an. Ebenso für Paare unter hoher Alltagsbelastung, bei denen Gereiztheit aus Job, Kindern und Terminen in die Beziehung überschwappt. Und sehr gut für Paare, die nicht in einer Krise stecken, sondern ihre Beziehung pflegen wollen: Genau dafür wurde das Paarprogramm ursprünglich entwickelt.
Weniger passend ist es als alleinige Methode bei einer akuten Krise, nach einem Vertrauensbruch oder bei tief sitzenden Verletzungen – dort braucht es ein Verfahren, das die Beziehungsdynamik selbst bearbeitet, und Achtsamkeit kann als Begleitung dazukommen. Bei Traumafolgen gehört sie in erfahrene Hände, weil stille Innenschau belastende Erinnerungen aktivieren kann. Und wer bei geführten Übungen grundsätzlich abschaltet, wird hier wenig gewinnen.
Häufige Fragen zu achtsamkeitsbasierten Methoden
Muss ich dafür meditieren können?
Nein. Die Übungen beginnen bei wenigen Minuten und bestehen anfangs vor allem aus Körperwahrnehmung und Atem. Vorerfahrung ist keine Voraussetzung.
Ist das Religion?
Die Wurzeln der Übungen liegen in buddhistischen Traditionen, die therapeutischen Programme sind allerdings ausdrücklich säkular gehalten. Es geht um Aufmerksamkeitstraining, nicht um Weltanschauung.
Lesetipps:
Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation (Knaur MensSana)
– das Grundlagenwerk des MBSR-Begründers, ausführlich und trotzdem gut lesbar.
Thich Nhat Hanh: Achtsam sprechen – achtsam zuhören. Die Kunst der bewussten Kommunikation (Knaur)
– knapp 150 Seiten darüber, wie Achtsamkeit konkret in Gespräche kommt.
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.