Schematherapeutische Methoden in der Paartherapie
Wenn man auf einen Klingelknopf drückt, klingelt es. Der Knopf hat die Klingel allerdings weder gebaut noch verdrahtet – das hat jemand vor langer Zeit erledigt, als das Haus gebaut wurde. Genauso ist es, wenn euer Partner einen harmlosen Satz sagt und bei euch sofort der große Alarm losgeht. Der Satz ist nur der Knopf. Die Verkabelung liegt deutlich weiter zurück. Mit ihr beschäftigt sich die schematherapeutische Paararbeit.
Schematherapeutische Paartherapie kann hilfreich sein, wenn eure Streits regelmäßig heftiger ausfallen, als der Anlass es erklärt. Sie macht sichtbar, welche alten Muster bei euch beiden gedrückt werden, macht euren Kreislauf als Landkarte sichtbar und arbeitet mit Imagination direkt an der Stelle, an der die „Verkabelung“ entstanden ist. Für Paare, die Struktur mögen und trotzdem in die Tiefe wollen, ist das eine der interessantesten Kombinationen im ganzen Methodenfeld.
Was sind schematherapeutische Methoden in der Paartherapie?
Die Schematherapie wurde von dem amerikanischen Psychologen Jeffrey Young als Erweiterung der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt, ursprünglich für Menschen mit hartnäckigen Persönlichkeitsmustern, bei denen klassische Verhaltenstherapie an Grenzen stieß. Sie verbindet verhaltenstherapeutische Techniken mit Bindungsforschung, emotionsfokussierter Arbeit und tiefenpsychologischem Denken über frühe Prägungen.
Zwei Begriffe tragen das Modell. Ein Schema ist der Abdruck früherer Beziehungserfahrungen – ein Erlebnismuster von damals, das euch heute noch dazu bringt, „schematisch“ zu reagieren. Ein Modus ist der Zustand, in dem ihr euch gerade befindet: das verletzbare Kind, das wütende Kind, der strafende innere Elternteil, die typischen Schutzmodi wie Rückzug, Unterwerfung oder Gegenangriff – und der gesunde Erwachsene, der all das sortieren kann.
Für die Paartherapie wurde das Modell ab etwa 2015 systematisch aufbereitet, maßgeblich von Eckhard Roediger, Leiter des Instituts für Schematherapie Frankfurt und Ehrenmitglied der Internationalen Schematherapiegesellschaft, gemeinsam mit Chiara Simeone-DiFrancesco und Bruce Stevens. Der Grundgedanke dabei: Paare finden über eine unbewusst wirkende „Beziehungschemie“ zueinander, man fühlt sich von dem angezogen, was man schon kennt – und sitzt anschließend zu zweit in derselben Schema-Falle.
Wie wirkt sich der schematherapeutische Ansatz auf eure Paartherapie aus?
Das auffälligste Arbeitsmittel ist die Moduslandkarte. Gemeinsam mit der Therapieperson zeichnet ihr auf, welche Modi bei euch beiden im Streit aktiv werden und wie sie einander auslösen. Sie zieht sich zurück, er wird lauter, sie zieht sich weiter zurück – auf Papier wird dieser Mechanismus sichtbar. Viele Paare berichten, dass allein dieses Bild den Streit entschärft, weil man ab da gemeinsam auf den Mechanismus schaut, statt aufeinander.
Ein zweites Kernstück ist die Imaginationsarbeit. Ihr geht innerlich zu einer frühen Szene zurück, die sich heute noch meldet, wenn der Knopf gedrückt wird – und diese Szene wird in der Vorstellung umgeschrieben, sodass das Kind von damals bekommt, was es gebraucht hätte. Dass der Partner dabei zuhört, hilft: Wer einmal gesehen hat, aus welcher Szene die Überreaktion des anderen stammt, kann sie schwer weiterhin als Bosheit lesen.
Dazu kommen Bedürfnis und Wunsch auseinanderzusortieren und schließlich der Aufbau des gesunden Erwachsenen: der innere Anteil, der mitten im Streit bemerkt, dass gerade ein alter Modus die Steuerung übernommen hat, und stattdessen bewusst entscheidet.
Für wen passen schematherapeutische Methoden besonders gut?
Der Ansatz eignet sich besonders für Paare, bei denen Reaktionen regelmäßig überproportional heftig ausfallen – wenn ein Nebensatz eine Lawine auslöst, ist meist ein Schema im Spiel. Ebenso für Paare, bei denen ausgeprägte Persönlichkeitsmuster eine Rolle spielen, etwa starke Verlassenheitsangst, Misstrauen, Perfektionsansprüche oder narzisstische Züge; genau aus diesem Feld stammt die Schematherapie. Und für alle, die gern mit Modellen arbeiten: Wer beim Anblick einer Moduslandkarte denkt „endlich sieht man es mal“, ist hier goldrichtig.
Weniger passend ist er für Paare, die nur ein konkretes Alltagsproblem lösen wollen – für die Aufgabenverteilung im Haushalt brauchen die wenigsten eine Kindheitsimagination. Wer sehr ungern über die eigene Herkunftsfamilie spricht oder emotionale Übungen grundsätzlich meidet, findet in der verhaltenstherapeutischen oder systemischen Rubrik passendere Wege. Bei akuter häuslicher Gewalt braucht es zuerst Schutz und Einzelunterstützung.
Häufige Fragen zu schematherapeutischen Methoden in der Paartherapie
Was ist der Unterschied zwischen Schema und Modus?
Ein Schema ist die dauerhafte Prägung aus früheren Beziehungserfahrungen, ein Modus der aktuelle Zustand, in dem ihr euch gerade befindet.
Geht es dabei die ganze Zeit um Kindheit?
Die Herkunft der Muster kommt vor, weil sie das heutige Verhalten erklärt. Der Schwerpunkt liegt trotzdem auf dem Hier und Jetzt: Erkannt und unterbrochen wird der Modus, der aktuell wirkt.
Muss mein Partner beim Thema Kindheit dabei sein?
In der Regel ja. Wer die Szene kennt, aus der die heftige Reaktion stammt, reagiert beim nächsten Mal anders. Was ihr dabei zeigt, bestimmt allerdings ihr selbst – eine gute Therapieperson achtet darauf, dass niemand zu einer Offenbarung gedrängt wird.
Woran erkenne ich eine gut ausgebildete Therapieperson? An einer Zertifizierung nach den Standards der Internationalen Schematherapiegesellschaft (ISST) oder der deutschen Fachgesellschaft, idealerweise mit zusätzlicher Paartherapie-Erfahrung.
Lesetipps:
Eckhard Roediger, Eva Frank-Noyon & Wendy T. Behary: Passt doch! Paarkonflikte verstehen und lösen mit der Schematherapie (Beltz, 2., vollständig überarbeitete Auflage)
– der Ratgeber für Paare selbst, mit Online-Material und Übungen. Funktioniert ausdrücklich auch dann, wenn zunächst nur einer von beiden mitliest.
Eckhard Roediger: Was ist Schematherapie? Eine Einführung in Grundlagen, Modell und Anwendung (Junfermann)
– knapp 120 Seiten, allgemeinverständlich geschrieben, für alle, die zuerst das Modell verstehen wollen.
Bruce A. Stevens, Chiara Simeone-DiFrancesco & Eckhard Roediger: Paare in der Schematherapie (Beltz, 2015)
– das Fachbuch zur Methode, inklusive Kapiteln zu Untreue, Verzeihen und Gewalt. Anspruchsvoll, aber die genaueste Quelle zum Thema.
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.