Psychodynamische Arbweitsweisen in der Paartherapie

Psychodynamische Methoden können hilfreich sein sich, wenn ihr im Streit aufhört, euch füreinander zu interessieren, und anfangt, euch gegenseitig zu erklären. Sie verlangsamen genau diese Momente, machen sichtbar, was in euch beiden abläuft, und arbeiten an der Fähigkeit, den anderen wieder als eigenständigen Menschen mit eigenen Beweggründen wahrzunehmen. Moderne Varianten dieses Zweigs sind deutlich fokussierter und aktiver, als der Ruf der Psychodynamik vermuten lässt.

Was sind psychodynamische Methoden?

Psychodynamisch ist der Oberbegriff für alle Verfahren, die auf der Grundannahme aufbauen, dass unser heutiges Erleben von früheren Beziehungserfahrungen geformt wird und dass ein erheblicher Teil dieser Prägung unbewusst abläuft. Dazu gehören gemeinsame Werkzeuge: die Arbeit mit Übertragung, der Blick auf Abwehr und Widerstand, das Verstehen von Szenen, die sich im Raum abspielen.

Innerhalb dieser Familie gibt es drei Zweige. Die analytische Richtung arbeitet offen, langfristig und stark deutend. Die tiefenpsychologisch fundierte Richtung begrenzt sich auf einen umschriebenen aktuellen Konflikt und führt aktiver. Und seit etwa zwanzig Jahren kommt eine dritte Linie dazu: die modernen psychodynamischen Weiterentwicklungen, die klassische Konzepte mit Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie und Erkenntnissen aus der Therapieforschung verbinden. Dieser dritte Zweig prägt heute, was in der Praxis unter dem Etikett „psychodynamisch“ tatsächlich passiert – und um ihn geht es hier vor allem.

Sein wichtigstes Konzept ist das Mentalisieren, entwickelt von Peter Fonagy, Anthony Bateman und Mary Target. Mentalisieren beschreibt die Fähigkeit, das eigene Verhalten und das des anderen auf innere Zustände zurückzuführen – auf Gefühle, Absichten, Bedürfnisse – und dabei anzuerkennen, dass man sich irren kann. Das Konzept stammt ursprünglich aus der Arbeit mit schweren Persönlichkeitsstörungen und wurde inzwischen auf die Paar- und Familienarbeit übertragen.

Wie wirkt sich das auf eure Paartherapie aus?

Mentalisieren als Behandlungsziel
Unter emotionalem Druck bricht diese Fähigkeit zusammen, bei allen Menschen, zuverlässig. Dann rutscht man in einen Zustand, in dem das eigene Gefühl zur Tatsache wird: „Ich fühle mich abgelehnt“ verwandelt sich in „Du lehnst mich ab“, ohne Zwischenschritt und ohne Zweifel. Die Therapieperson arbeitet weniger daran, wer inhaltlich Recht hat, sondern daran, diese Fähigkeit im Raum wiederherzustellen.

Es wird verlangsamt statt gelöst
Ein typischer Satz in solchen Sitzungen lautet: „Halt, gehen wir zehn Sekunden zurück. Was ist in Ihnen passiert, als er das gesagt hat?“ Und dann dieselbe Frage an den anderen. Wer gezwungen ist, den Moment auseinanderzunehmen, gewinnt ggf. aber seinen Blick für das Innenleben des anderen zurück.

Es wird ein Fokus formuliert
Moderne psychodynamische Arbeit sucht nicht nach allem, was es zu finden gäbe. Am Anfang wird ein zentrales Muster benannt, an dem gearbeitet wird, und alles Weitere ordnet sich diesem Fokus unter. Das hält die Behandlung überschaubar und unterscheidet sie deutlich von der klassisch-analytischen Variante.

Konflikt oder Struktur? Diese Unterscheidung entscheidet über das Vorgehen
Psychodynamische Diagnostik fragt, ob es um einen inneren Konflikt geht, den jemand grundsätzlich gut aushalten kann, oder um eine geringere Belastbarkeit der psychischen Grundfunktionen: Gefühle wahrnehmen, sich selbst steuern, sich in andere hineinversetzen. Im ersten Fall kann viel gedeutet werden. Im zweiten Fall wäre Deuten kontraproduktiv, und es wird stattdessen benannt, gestützt und geübt. Für euch als Paar heißt das ganz praktisch: Zwei Paare mit demselben Streitthema bekommen hier möglicherweise völlig unterschiedliche Behandlungen.

Für wen passen psychodynamische Methoden besonders gut?

Der Zugang eignet sich gut für Paare, die im Streit regelmäßig Annahmen über den anderen treffen und sich dabei immer wieder missverstehen. Ebenso für Paare, bei denen sich derselbe Konflikt durch mehrere Lebensphasen und teils auch durch frühere Beziehungen zieht. Und besonders dann, wenn bei einem von beiden stark schwankende Gefühlslagen, Verlassenheitsängste oder ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle spielen – für genau dieses Feld wurde das Mentalisierungskonzept ursprünglich entwickelt und ist dort am besten untersucht.

Weniger passend ist er, wenn ihr ein konkretes Alltagsthema abarbeiten wollt, ohne in die Tiefe zu gehen, oder wenn ihr feste Übungen und Regeln für zu Hause sucht – dafür sind verhaltenstherapeutische oder systemische Wege wahrscheinlich hilfreicher. Bei akutem Entscheidungsdruck ist ein lösungsorientiertes Vorgehen schneller. Und bei Gewalt in der Beziehung braucht es zuerst Schutz und Einzelunterstützung.

Häufige Fragen zu psychodynamischen Methoden

Was ist der Unterschied zu tiefenpsychologisch fundierter und psychoanalytischer Paartherapie?
Psychodynamisch ist der Oberbegriff, die beiden anderen sind Ausprägungen davon. Analytische Arbeit ist offener, länger und stärker deutend; tiefenpsychologisch fundierte Arbeit ist kürzer und fokussierter. Moderne psychodynamische Methoden wie die mentalisierungsbasierte Arbeit stehen dazwischen und holen zusätzlich Bindungsforschung mit hinein.

Was bedeutet Mentalisieren in einem Satz?
Zu verstehen, dass hinter dem Verhalten eines Menschen innere Zustände stehen – und dass die eigene Vermutung darüber falsch sein kann.

Muss ich über meine Kindheit sprechen?
Sie kommt vor, wenn sie den heutigen Konflikt erklärt. Der Schwerpunkt moderner psychodynamischer Arbeit liegt allerdings deutlich stärker auf dem, was in diesem Moment zwischen euch passiert.

Lesetipps:

Svenja Taubner: Konzept Mentalisieren. Eine Einführung in Forschung und Praxis (Psychosozial-Verlag)
– der kompakteste Einstieg ins Mentalisierungskonzept, verständlich geschrieben und ohne Vorkenntnisse lesbar.

Peter Rottländer: Mentalisieren in der Paartherapie, erschienen 2015 in der Fachzeitschrift Psychoanalytische Familientherapie
– der Text, der die Übertragung des Konzepts auf die Paararbeit im deutschsprachigen Raum ausbuchstabiert. Fachartikel, für Interessierte aber gut zu lesen.

Anthony Bateman & Peter Fonagy (Hrsg.): Handbuch Mentalisieren (Psychosozial-Verlag)
– das Standardwerk der Begründer, mit eigenem Kapitel zur Familien- und Paartherapie. Umfangreich und fachlich anspruchsvoll.

Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

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