Psychoanalytische Paartherapie

In vielen Beziehungen gibt es eine erstaunlich stabile Rollenverteilung: Einer ist der Ruhige, der andere der Emotionale. Einer bleibt sachlich, wenn es kracht, der andere wird laut. Und beide sagen von sich, dass sie das eigentlich gar nicht sind – im Job, unter Freunden, in früheren Beziehungen war das ganz anders. In der psychoanalytischen Paartherapie ist genau das der interessanteste Satz des ganzen Erstgesprächs. Denn er deutet darauf hin, dass ihr euch die Gefühle untereinander aufgeteilt habt, ohne jemals darüber verhandelt zu haben.

Was sind psychoanalytische Methoden in der Paartherapie?

Psychoanalytische Paartherapie untersucht, wie die inneren Welten zweier Menschen unbewusst ineinandergreifen. Ihre theoretische Basis ist die Objektbeziehungstheorie: die Annahme, dass wir alle frühe Beziehungserfahrungen als innere Bilder mit uns herumtragen und diese in der Partnerschaft wieder in Szene setzen.

Das Ursprungszentrum dieser Arbeit liegt am Tavistock Institute of Marital Studies in London, wo in den 1950er- und 1960er-Jahren die ersten systematischen psychoanalytischen Paarbehandlungen entstanden. Der britische Psychiater Henry V. Dicks fasste diese Erfahrungen 1967 in seinem Standardwerk „Marital Tensions“ zusammen. Von ihm stammt der Begriff der „joint marital personality“: die Vorstellung, dass zwei Partner unbewusst eine Art gemeinsame Persönlichkeit bilden, in der jeder Anteile übernimmt, die der andere an sich selbst abgespalten hat. Diese Idee wurde später von David und Jill Scharff zur Objektbeziehungs-Paartherapie weiterentwickelt, die gezielt an der Entflechtung wechselseitiger Projektionen arbeitet. Im deutschsprachigen Raum prägten Horst-Eberhard Richter in Gießen und Jürg Willi in Zürich das Feld.

Das zentrale Konzept dahinter heißt projektive Identifikation, ursprünglich von Melanie Klein beschrieben: Ein Mensch lagert einen ungeliebten Teil seiner selbst beim Partner aus – und der Partner übernimmt diesen Teil tatsächlich und lebt ihn stellvertretend aus. So kommt es zu den Paaren, die wie Spiegelbilder derselben inneren Konflikte wirken.

Wie wirkt sich der psychoanalytische Ansatz auf eure Paartherapie aus?

Diese Form der Paartherapie ist bewusst wenig direktiv. Es gibt keine Übungsprogramme, keine Gesprächsregeln, keine Hausaufgaben. Stattdessen entsteht ein Raum, in dem euer Zusammenspiel sich zeigen darf – inklusive der Pausen, der Blicke, der Dinge, die einer sagt und der andere sofort abwehrt.

Eure Therapieperson arbeitet dabei mit vier klassischen Werkzeugen. Beim szenischen Verstehen achtet sie darauf, welche Szene ihr im Raum unwillkürlich aufführt, oft noch bevor jemand etwas Inhaltliches gesagt hat. Bei der Deutung bietet sie Zusammenhänge an, die ihr selbst noch nicht formuliert habt: was hinter einer Reaktion stecken könnte, welche alte Erfahrung gerade mitschwingt. Mit Übertragung und Gegenübertragung nutzt sie das eigene Erleben als Messinstrument – was sie in eurer Gegenwart fühlt, gehört mit zum Material. Und beim Containment bleibt sie mit schwer aushaltbaren Gefühlen im Raum, ohne sie zu unterbrechen, bis ihr sie selbst tragen könnt.

Rechnet mit einem langsamen Tempo und mit Sitzungen, aus denen ihr manchmal ohne klares Ergebnis herausgeht. Die Veränderung zeigt sich meist zeitversetzt: Irgendwann fällt vielleicht auf, dass die üblichen Rollen sich lockern: Der Ruhige wird mal laut. Die Laute bleibt mal sitzen und sagt nichts.

Für wen passt psychoanalytische Paartherapie besonders gut?

Der Ansatz eignet sich für Paare mit langer gemeinsamer Geschichte und tief eingefahrenen Rollenverteilungen, die beide das Gefühl haben, in dieser Beziehung eine Version ihrer selbst zu leben, die ihnen fremd geworden ist. Auch für Paare, in denen sich ein Konflikt über Jahre hält, obwohl inhaltlich alles längst besprochen ist, hat das Verfahren einen langen Atem. Wer Interesse an Träumen, Fantasien und den eigenen inneren Anteilen mitbringt, findet hier reichlich Raum.

Weniger passend ist er bei akutem Handlungsdruck – wenn zügig eine Entscheidung fallen muss, ist ein lösungsorientiertes oder verhaltenstherapeutisches Vorgehen deutlich hilfreicher. Auch wer Struktur, klare Etappenziele und konkrete Werkzeuge braucht, wird mit diesem offenen Rahmen wenig anfangen können. Bei akuter häuslicher Gewalt braucht es zuerst Schutz und Einzelunterstützung.

Häufige Fragen zur psychoanalytischen Paartherapie

Was unterscheidet psychoanalytische von tiefenpsychologisch fundierter Paartherapie?
Beide teilen dieselbe Theoriebasis. Die psychoanalytische Variante arbeitet offener, länger und stärker mit freier Assoziation und Deutung. Die tiefenpsychologisch fundierte Variante begrenzt sich bewusst auf einen umschriebenen aktuellen Konflikt und führt aktiver durch den Prozess.

Liege ich dabei auf einer Couch?
Nein. In der Paartherapie sitzen alle Beteiligten einander gegenüber, weil die Interaktion zwischen euch das eigentliche Arbeitsmaterial ist.

Lesetipps:

Horst-Eberhard Richter: Patient Familie (Rowohlt)
– der deutschsprachige Klassiker von 1970, der psychoanalytisches Denken über Paare und Familien einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht hat.

Henry V. Dicks: Marital Tensions (Routledge, 1967, Neuauflage in der Reihe Psychology Revivals)
– das Gründungswerk der Tavistock-Tradition, mit vielen klinischen Fallgeschichten. Nur auf Englisch verfügbar.

Mary Morgan: A Couple State of Mind. The Psychoanalysis of Couples and the Tavistock Relationships Model (Routledge, 2019)
– der aktuelle Stand der Tavistock-Schule, geschrieben für Fachleute, aber gut lesbar für alle mit Vorkenntnissen.

Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

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