Traumasensible und traumazentrierte Methoden in der Paartherapie

Traumasensible und traumazentrierte Methoden können hilfreich sein, wenn eure Streits Reaktionen auslösen, die nicht zum Anlass passen, und wenn mindestens einer von euch Erfahrungen mitbringt, die bis heute nachwirken. Die Methoden arbeiten langsam, erklären zuerst die Mechanik hinter Erstarren und Explodieren und machen dann aus dem Partner einen Verbündeten statt einen Auslöser.

Was sind traumasensible und traumazentrierte Methoden?

Die beiden Begriffe meinen unterschiedliche Dinge.

Traumasensibel beschreibt eine Haltung und einen Rahmen. Die Therapieperson arbeitet in dem Wissen, dass mindestens einer von euch traumatische Erfahrungen gemacht haben könnte, und richtet alles danach aus: langsames Tempo, größtmögliche Kontrolle bei euch, keine Überraschungen, jederzeit die Möglichkeit, zu stoppen. Das lässt sich mit praktisch jeder Methode kombinieren.

Traumazentriert bedeutet, dass das Trauma selbst zum Gegenstand der Arbeit wird – seine Folgen, seine Auslöser und die Art, wie es eure Beziehung heute mitsteuert.

Die theoretische Grundlage liefert das Phasenmodell der amerikanischen Psychiaterin Judith Herman aus dem Jahr 1992: Zuerst Sicherheit und Stabilisierung, dann Erinnern und Trauern, zuletzt die Neuverbindung mit dem Leben und mit anderen Menschen. Diese Reihenfolge ist eine Schutzmaßnahme: Wer ohne Stabilisierung an belastenden Erinnerungen arbeitet, wird ggf. destabilisiert. Dazu kommt das Modell des Toleranzfensters, das beschreibt, in welchem Erregungsbereich ein Mensch überhaupt denken, fühlen und sprechen kann – darüber liegt Übererregung mit Kampf- oder Fluchtimpulsen, darunter der Zustand des Abschaltens, den viele Paare als „Mauer“ erleben.

Im deutschsprachigen Raum hat Katharina Klees mit ihrer Traumasensiblen Paartherapie und dem Traum(a)-Haus-Konzept ein eigenes Vorgehen entwickelt, das in einem Fünf-Stufen-Modell beschreibt, wie sich eine traumazentrierte Paardynamik auflösen lässt. Ihre Kernthese verdient Beachtung, weil sie gängigen Ratschlägen widerspricht: Streit und das Austragen von Konflikten aktivieren bei traumatisierten Menschen ein ohnehin schon hochgefahrenes Stressverarbeitungssystem weiter. Dass Paare „alles ausdiskutieren“ sollen, ist hier also ausdrücklich nicht der Weg.

International am besten untersucht ist die kognitiv-verhaltenstherapeutische Paarbehandlung bei posttraumatischer Belastungsstörung von Candice Monson und Steffany Fredman. Sie behandelt die Symptome der betroffenen Person und die Beziehungszufriedenheit gleichzeitig. Auch Sue Johnson hat ihre emotionsfokussierte Paartherapie eigens für Paare mit Traumahintergrund angepasst.

Wie wirken sich traumasensible Methoden auf eure Paartherapie aus?

Zuerst fällt das Tempo auf. Es wird weniger in einer Sitzung untergebracht, dafür bekommt jede Regung Raum. Pausen sind erwünscht, Abbrechen ist ausdrücklich erlaubt, und am Ende jeder Stunde steht ein bewusstes Zurückkommen im Hier und Jetzt.

Ein zentrales Arbeitsmittel ist die Wissensvermittlung über Stressreaktionen. Wenn beide verstehen, dass Erstarren keine Verweigerung ist und Losbrüllen kein Charakterfehler, ändert sich der Ton im Wohnzimmer oft schon nach zwei Sitzungen. Was vorher als Kränkung gelesen wurde, wird zu einem Vorgang, den man gemeinsam beobachten kann.

Darauf baut die Triggerarbeit auf. Ihr sammelt, welche Situationen, Tonfälle, Gesten oder Worte bei wem die Alarmanlage auslösen – häufig sind es erstaunlich kleine Dinge, ein bestimmter Blick, eine zugezogene Tür, ein Satz in einer bestimmten Lautstärke. Dazu gehören vereinbarte Signale, mit denen ihr euch gegenseitig anzeigt, dass das Toleranzfenster gerade verlassen wird, und ein abgesprochener Ablauf für diesen Fall.

Ein dritter Baustein sind Stabilisierungs- und Vorstellungsübungen aus der Traumaarbeit: der sichere innere Ort, Atem- und Erdungsübungen, Techniken zum Zurückkommen aus einem Erstarrungszustand. Der Partner lernt dabei, was hilft und was die Lage verschärft – und das ist häufig das Gegenteil dessen, was der Instinkt nahelegt.

Und schließlich verschiebt sich die Rollenverteilung. Ziel ist, dass ihr euch gegenseitig bei der Heilung eurer Verletzungen unterstützt, statt euch gegenseitig immer wieder neu zu triggern. Der Partner wird zum Verbündeten der Erholung statt zum Auslöser.

Eine Grenze gehört ausdrücklich dazu: Die eigentliche Bearbeitung eines Traumas gehört in die Einzelbehandlung bei einer entsprechend qualifizierten Fachperson. Im Paarsetting geht es um die Folgen für eure Beziehung, nicht um die detaillierte Konfrontation mit dem Erlebten.

Für wen passen traumasensible Methoden besonders gut?

Der Zugang eignet sich für Paare, bei denen einer oder beide belastende Erfahrungen mitbringen: Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit, Krieg und Flucht, schwere Unfälle, lebensbedrohliche Erkrankungen, eine traumatische Geburt, der plötzliche Verlust eines nahen Menschen. Ebenso für Paare, in denen ein Streit regelmäßig damit endet, dass einer erstarrt, dichtmacht oder aus dem Haus geht. Und für alle, bei denen weitergegebene Familiengeschichte hineinspielt – Klees weist darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Paare, die eine Beratung aufsuchen, Traumatisches in der Kindheit erlebt hat oder in Familien aufwuchs, in denen die Elterngeneration Kriegserlebnisse zu bewältigen hatte.

Klare Grenzen gibt es auch. Bei laufender Gewalt in der Beziehung ist gemeinsame Arbeit der falsche Rahmen; hier steht Schutz für die betroffene Person an erster Stelle, gefolgt von unabhängiger Beratung. Wer vor allem an einem konkreten Alltagsthema arbeiten möchte, ohne die eigene Geschichte zu berühren, ist mit einem lösungsorientierteren Vorgehen besser bedient.

Häufige Fragen zu traumasensiblen Methoden in der Paartherapie

Muss ich meinem Partner erzählen, was mir passiert ist?
Nein. Ihr entscheidet selbst, was ihr teilt. Für die gemeinsame Arbeit reicht es meist aus, dass der Partner die Auswirkungen versteht – welche Situationen schwierig sind und was in solchen Momenten hilft.

Was ist der Unterschied zwischen traumasensibel und traumazentriert? Traumasensibel ist die Art, wie gearbeitet wird: vorsichtig, langsam, mit maximaler Kontrolle bei euch. Traumazentriert heißt, dass die Traumafolgen selbst das Thema der Sitzungen sind.

Was genau ist ein Trigger?
Ein Reiz in der Gegenwart, der eine alte Alarmreaktion auslöst – ein Geruch, ein Tonfall, eine Körperhaltung, eine Uhrzeit. Der Körper reagiert dabei so, als sei die frühere Gefahr wieder da, obwohl der Verstand die Lage richtig einschätzt.

Lesetipps:

Judith Herman: Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden (Junfermann)
– der internationale Klassiker von 1992, in dem das dreiphasige Modell entwickelt wurde. Fachlich fundiert und trotzdem gut lesbar.

Katharina Klees: Traumasensible Paartherapie. Mit dem Traum(a)-Haus-Konzept aus der Beziehungskrise (Junfermann, 2018)
– der deutschsprachige Praxisleitfaden zum Thema, mit vielen Fallbeispielen und dem Fünf-Stufen-Modell. Richtet sich an Fachleute, ist für interessierte Paare aber gut zugänglich.

Michaela Huber: Trauma und die Folgen (Junfermann)
– der verständliche Einstieg in Traumafolgen und ihre Mechanik, geschrieben von einer der bekanntesten deutschen Fachpersonen des Feldes.

Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

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